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Taiko

"Taiko" ist der japanische Kunst des Schlagens der Trommel, eine Kunst, die seit Jahrhunderten überliefert wird, ein sozialer Erfahrungsschatz, der, wenn man ihn hebt, enorm positive Ergebnisse produziert.

Taiko, das Schlagen der großen Trommeln, ist noch heute im täglichen sozialen Leben Japans sehr präsent- es ist aktiver Teil der Erziehung in Schulen (alle Schularten), es ist Teil sozialer Ergebnisse (Feste, Riten etc.) und erzeugt dadurch täglich soziale Ergebnisse auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Nun könnte man sagen, dass sich dies mit unserer Pflege der Musiktraditionen westlicher Prägung ebenso verhält, also was soll das Besondere an Taiko sein?

Der entscheidende und auf absoluter Ebene angesiedelte Unterschied ist der, dass Taiko im Erziehungs- und Bildungssinne bisher nicht durch welche Entwicklungen auch immer in seiner ursprünglichen Form und Wirkung modifiziert, manipuliert oder verändert wurde, die klassischen Taiko-Stücke werden auch heute noch gespielt, und auch die ernsthaften, zeitgenössichen Trommler respektieren als Arbeitsmaterial die Elemente der Tradition.

Damit wird aber auch auf der Wirkungsebene entscheidend die durch uralte positive Erfahrungen bestehende Tradition aufrechterhalten, d.h., Taiko wirkt heute noch so sozial positiv, wie dies die uralten Theorien fordern: Theorie und Praxis bilden eine Einheit

Unter diesen Gesichtspunkten müssen wir bei unseren wesentlichen Musiktraditionen leider andere Ergebnisse feststellen: die Werke unserer Komponisten wurden durch Modfikation und Manipulation erheblich verändert, sowohl bei den Instrumenten als auch in der Ausführungspraxis, so dass diese Werke unter Umständen den komplett gegenteiligen Effekt erzielen können, als er vom Komponisten ursprünglich beabsichtigt war.

Ein Beispiel: Franz Liszt schrieb an seiner Partitur der Hammerklaviersonate von Ludwig van Beethoven, dass seine Aufführungsdauer ca. 60 Minuten betrug. Der Pianist Athur Schnabel hinterließ eine Schallplattenaufnahme derselben Sonate, auf der das Werk in 35 Minuten aufgeführ wurde! Es ist logisch, dass die Aufführungen von Franz Liszt und Arthur Schnabel zwei sehr unterschiedliche Wirkungen beim Zuhörer erzielen, beide beziehen sich aber auf dasselbe Werk!

Verändert man die urspüngliche Parameterm so erzielt man Wirkungen, die das Gegenteil von dem sein können, was ursprünglich beabsichtigt war.

Dieser Gedanke, der bei uns als "Freiheit der Interpretation" missverstanden wird, zeigt einen entscheidenden Unterschied zum Taiko auf: Taiko wirkt auch heute noch so, wie die jahrhunderte alte positive Erfahung die Stücke hat wachsen lassen.

Da Taiko den Begriffen Respekt, Ordnung, Disziplin, Selbstkontrolle, Kraft, soziale Kompetenz, Körperbeherrschung, Einheit von Körper, Geist und Seele, Harmonie, Gemeinschaftssinn etc. gewidmet ist, können wir heute diese Kunst nutzen, um eben diese Begriffe in der Bildungsarbeit deutlich zu pflegen und unmittelbar erlebbar zu machen. Was in diesem Sinnn seit Jahrhunderten positiv gewirkt hat, wird für  unsere Generationen ebenso positiv nutzbar sein. Die ursprüngliche Wirkungsebene ist nicht modifiziert oder kurzfristig oberflächlich Moden unterworfen worden, die Kraft des Ursprungs ist erhalten geblieben.

Der entscheidende Punkt liegt im sozialen Bereich: Der Ursprung der Taiko hat soziale Gründe und Funktionen, dieser fundamentale gesellschaftliche Ansatz funktioniert bis heute in dieser Tradition.

Unsere Musiktradition hat sich durch Massenphänomene in die Oberflächlichkeit der unterschiedlichsten Unterhaltungsbegriffe entwickelt, und man muss sich nicht wundern, dass bei einer so starken Modifizierung der Ursprungsbegriffe die Wirkung des Phänomens sich verändern, theoretische Erwartungen mit den praktischen Ergebnissen  nicht mehr übereinstimmen. Diese Veränderung der Wirkungsebene des Phänomens ist den Taiko bis heute erspart geblieben, deshalb funktionieren alle theoretischen Erwartungen noch zu 100% in der Praxis, sofern man diese Praxis auch ursprünglich betreibt.

Der besondere Wert des Taiko liegt darin, dass jeder von Anfang an, also vom ersten Schlag an, das gesamte Wirkungsspektrum erarbeitet, man muss keine spezifischen Kenntnisse besitzen, weder Alter noch Geschlecht hindern eine Person daran, mit allen anderen gemeinsam Taiko auszuführen.

Darin zeigt sich wieder ein gravierender Unterschied zu unseren wesentlichen Künsten: WIll man unsere Musiktradition ausführen, so ist eine lange Periode spezifisch-mechanischer Arbeit und Kenntnis erfordlich, um die soziale Wirkungsebene gemeinsamen Handelns zu erreichen. Bei Taiko steht dieser Prozess vom ersten Schlag an im Mittelpunkt des Arbeitsablaufes. Die erste grundlegende Übung ist eben das überindividualisierte "Ich" der modernen Gesellschaft in ein soziales "Wir" der Taiko-Gruppe zu wandeln, ohne diese Wandlung entsteht das Phänomen Taiko nicht, es ist dann etwas anderes. Soziale Kompetenz ist das übergeordnete Ziel, das das Programm "Taiko für Schulen" erfüllt. Beim Taiko bleibt das geförderte Individuum eben nicht bei sich selbst stehen, die individuelle Förderung und Tätigkeit erfüllt sich sofort in der Nutzung für die soziale Ebene des Ausführenden: Er lernt, seinen Individualismus zu sozialisieren! Dieser Prozess steht in Theorie und Praxis des Taiko im Mittelpunkt der Arbeit.

Künstlerische Aspekte ergeben sich von selbst, wenn die soziale Basis erfüllt ist, aber ohne diese Basis erfüllt sich auch nicht die künstlerische Kraft, ohne sozialen Prozess keine Kommunikation!

Die sozialen Aspekte können beim Taiko stark herausgearbeitet werden: Die Spieler entwickeln eine Kontrolle dessen, was sie tun auf  körperlicher geistiger und seelische Ebene. Moderne Kinder und Jugendliche zeigen gerade in diesem Punkt auffällige Zeichen, immer mehr Zeit und Energie muss aufgewendet werden, um im Schulunterricht überhaupt Ruhe in einer Klasse herzustellen. Der signifikante Mangel an Beherrschung und Kontrolle des eigenen Geistes und Körpers ist der Grund für die Schwierigkeit, sich ruhig zu verhalten. Dies muss heute klar als konstitutionelles Merkmal moderner Generationen definiert werden.

Taiko erzielt gerade in dieser Hinsicht beeindruckende Ergebnisse. Ich kann auf Erfahrung verweisen, die ich mit Taiko-Projekten in Schulen bisher gemacht habe (Förderschule, Grundschule, Gymnasium). In allen drei Schultypen war ganz die Arbeit an der Disziplin und Ordnung der Abläufe der kraftvollste Teil der Bemühungen, aber auch der Punkt, der nach entsprechender Zeit die besten Ergebnisse zeigte.
Diese Ergebnisse werden beim Taiko geradezu "natürlich" erzielt, da das Phänomen Taiko ohne diese Basis gar nicht funktioniert.

In Konzerten, die immer das praktische Ziel der Arbeit bilden, sind Eltern und Lehrer immer überrascht, wie diszipliniert und konzentriert die Schüler, die sich sonst ganz anders erleben, zu Werke gehen können.

Taiko ist streng, denn nur aus der größten Ernsthaftigkeit erwächst die größte Freude! Taiko hat eine Form, die der Spieler erfüllen muss, will er das Ergebnis erreichen, alles wird mündlich weitergegeben, also geht eine starke Gedächtnisförderung mit der Erarbeitung der Stücke einher, Taike baut Aggressionen ab, weil der Schüler körperlich stark gefordert wird, es fördert den seelischen Ausgleich, weil der Spieler seine soziale Kompetenz stärkt, vom ersten Moment an seinen Erfolg wahrnimmt und kontrollieren kann und seine Grenzen seinem Arbeitstempo entsprechend erweitern kann. Wer länger braucht, um neue Stücke zu lernen, dem wird durch die Stärkeren geholfen, da alle alles gleichzeitig in der Gruppe machen und zwar so lange, bis der Schwächste es kann. Die Stärkeren können dabei schon weitergehen, z.B. schwierigere Techniken üben, somit nicht unterfordert werden, aber alles läuft immer gemeinsam ab.

Die Erfahrung zeigt, dass bei diesen Lernprozessen in der gleichzeitigen Gruppenarbeit qualitative Ergebnisse erzielt werden können, die in Einzelsituationen nicht entstehen können. Außerdem trägt die Art der Lehre gleichzeitig Sprache ("Taiko-Texte") und körperliche Handlung zu kombinieren dazu bei, den Spieler in seiner Kontrollfähigkeit zu stärken: Er muss nämlich ständig überprüfen, ob das, was er als "Text" spricht (jeder Schlag hat eine Silbe, die Sillben hintereinander ergeben eine "Textmelodie"), auch mit dem Schlag, den er ausführt, übereinstimmt. Handlung und deren Kontrolle werden eins! Gerade heute dürfte dies eine wichtiges Prinzip sein, das gefördert werden muss. Beim Taiko ist dieses Prinzip die Grundlage der Arbeitsweise.

Die Erörterung aller ganzheitlichen Prinzipien wie das eben beschriebene von "Handlung und Kontrolle" würde an dieser Stelle von Umfang der Darstellung sprengen, es sei nur versichert, dass die Ganzheitlichkeit des Phänomens Taiko kein sozialwirksames Prinzip auslässt. Taiko wirkt!

Zu meiner Person:
Ich bin von Haus aus Musiker, betreibe eine private Musikschule in Boppard, praktiziere insgesamt mehr als 20 Instrumente, betreue mehrere Taiko-Projekte in Boppard und in Italien und möchte Taiko als kulturelle Kraft der deutschen Schulwelt näherbringen.

Es ist die praktische Ergebnisorientiertheit des Taiko, die diesem Phänomen so stark innewohnt, eine östliche Kraft, von der wir lernen sollten, denn aus der Zusammenführung der Kulturen kann etwas Neues entstehen, das stärker ist, als die Kulturen getrennt voneinander in der Lage sind zu wirken!